75 Jahre

Artikelserie zur Schulgeschichte


Quidquid futurum est summum, ab imo nascitur. -
Auch was das Höchste werden soll, fängt unten an!
(Publilius Syrus)

 

Am 16. Januar 1946, 08.00 Uhr morgens, wurde im alten Schwarzenberger Schulhaus die erste Unterrichtsstunde der Städtischen Oberschule Scheinfeld gehalten, aus der das staatliche Gymnasium Scheinfeld erwuchs.

Unsere Schule kann also in diesem Jahr ihr 75jähriges Bestehen feiern. Aus diesem Anlass wollen wir die Geschichte der Schule in einer kleinen Artikelserie schlaglichtartig beleuchten. Als Quellen dienen hierzu die Jahresberichte sowie – bis 1968 – eine vom langjährigen Schulleiter Dr. Franz Mathy liebevoll gestaltete Schulchronik, die als Digitalisat auch im Scheinfelder Stadtarchiv vorliegt. Dr. Mathy hatte das obige Zitat des Publilius Syrus als Leitmotiv diesem Werk vorangestellt.

Im ersten Teil geht es um die Gründung und die vierziger Jahre.

Folge 1: Die 40er Jahre

Zurecht erntete NRW-Ministerpräsident Laschet viel Kopfschütteln für seine Äußerung, Weihnachten 2020 würde das härteste seit Ende des Zweiten Weltkrieges; nur völlige Geschichtsvergessenheit verbunden mit naiver „Gnade der späten Geburt“ können ein solches Urteil hervorbringen. Wirkliche Not sieht ganz anders aus, wie wir aus Dr. Mathys Schilderung der Lage zum Jahreswechsel 1945/6 ersehen:

Hunger und Verzweiflung in den Gesichtern, kümmerliche Reste einer einst reichen Habe im Gepäck, ergoß sich ein Strom von fast zwölf Millionen deutscher Menschen in das vierfach geteilte und verstümmelte Land, dessen Städte zerbombt im Schutte lagen, dessen Fabriken demontiert in aller Herren Länder wanderten.

Überfüllte Wohnungen, überlastete Lager, Schwarzhandel, sittliche Verrohung und Verfall! Das war die allgemeine Lage nach der bedingungslosen Kapitulation in diesem schicksalsschweren Jahre.

Stadt und Kreis Scheinfeld hatten dabei ein besonders hartes Erbe. Eine starke amerikanische Besatzungstruppe lagerte im Städtchen und im benachbarten Schwarzenberg, tausende von der IRO [Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen, WS] betreute Litauer, Polen und andere Nationen bevölkerten das ehemalige RAD Lager und der ganze Kreis war mit neuntausend Flüchtlingen zum Bersten voll belegt.

Da mussten schon viele, fast wundersame Faktoren zusammenkommen, dass ausgerechnet in der 3000-Einwohner-Stadt Scheinfeld eine höhere Schule gegründet werden konnte. V.a. war da der Einsatz der Künstlerin Elli Jüngling, die hartnäckig und erfolgreich um die Errichtung der Schule kämpfte, und in der örtlichen Militärverwaltung sowie dem Bürgermeister Michael Braun wichtige Unterstützer gewinnen konnte.

 

Am 03. Januar kehrten sie mit der mündlichen Genehmigung des Kultusministeriums zur Gründung einer sechsjährigen Oberschule (nach heutiger Zählung die Jahrgangsstufen 5 – 10) aus München zurück und keine zwei Wochen später war das Schulhaus in Schwarzenberg möbliert und der Unterricht konnte mit gut 120 Schülern (darunter, wie in den ersten Jahren konstant, etwa ein Drittel Mädchen) beginnen.

 Schulchronik Schulchronik

Bereits drei Monate später siedelte die Schule in das steinerne RAD-Haus in der Landwehrstraße über, das zur Keimzelle des heutigen Campus wurde (und 2020 dem Neubau weichen musste). Traf im Mai 1946 endlich die schriftliche Genehmigung der Militärregierung zur Errichtung der Schule ein, so ist von einer solchen des Kultusministeriums in den Annalen nicht die Rede.

 

War die Schülerzahl noch im ersten Rumpfschuljahr auf 175 gestiegen, so startete man im Herbst 1946 bereits mit 235 Zöglingen, die von folgenden Lehrkräften unterrichtet wurden:

Direktor Dipl.-Ing. Erwin Hladak (M/Ph/C); P. Friedbert Dobmann (K), Dr. Josef Heimerl (D, L); Emma Hohn (E), Elly Jüngling (Ku, Heimatkunde), Dipl.-Ing Hans Jüngling (M), P. Arnulf Kremer (K/L/B/Kurzschrift); Pfr. Friedrich Löblein (Ev), Pfr. Dr. Georg Nickl (K), Dr. Gustav Pohl (G/Ek/B), Johanna Porzelt (Handarbeiten), Dr. Marianne Sievers (D/F/E/Ev), Elfriede Schmieder (Handarbeiten), Josef Wiesner (Kurzschrift); Friedrich Zaremba (M/C); Sekretärin Sieglinde Jelonek, Hausmeister Hans Schott. Dem ersten Elternrat, der 1947 gewählt wurde, gehörten an: Archivrat Ferdinand Andraschko, Scheinfeld, Georg Biebelriether, Ezelheim, Maria Eigenthaler, Scheinfeld, Josef Götz, Scheinfeld, und Helene Janzen, Scheinfeld.

 

Aufgrund der Umorganisation des bayerischen Schulwesens lief die alte Oberschule aus, im Schuljahr 1946/7 wurden die beiden untersten Klassen nach neuem Lehrplan unterrichtet, wodurch sich der Name der Schule änderte: Städtische Realschule. Diese erhielt schon 1947 die Genehmigung, die Jahrgangsstufe 7 anzugliedern, 1948 folgte die Jahrgangsstufe 8 (damals die oberste), so dass bereits 1949 die erste Abiturprüfung stattfinden konnte, freilich unter Leitung der staatlichen Oberrealschule Kitzingen (und im ersten Jahr unter Ausschluss der Scheinfelder Lehrkräfte). Immerhin zwölf Kandidaten bestanden und wurden zu Vorbildern vieler Hunderter Scheinfelder Abiturienten in den mehr als 70 folgenden Jahrgängen.

 

Seit 1947/8 wurden ab der 3. Jahrgangsstufe der sprachliche (E/L/F) und der mathematisch-naturwissenschaftliche Zweig (E/F) geführt, daneben gab es noch eine humanistische Abteilung für das Seminar des Minoritenklosters Schwarzenberg. Maßgeblich zur Stabilisierung der Schülerzahlen trug die Einrichtung des Schülerheimes 1947 bei, dessen erster Leiter der spätere Direktor Dr. Mathy war. Als die Schule im Schuljahr 1949/50 zu den ersten acht höheren Schulen Bayerns gehörte, der eine Mittelschule (entsprechend der heutigen Realschule) angegliedert wurde, war die Scheinfelder Schullandschaft annähernd so ausgeprägt, wie sie es noch heute ist (es existierten ja noch die Volksschule und die landwirtschaftliche Berufsschule).

 

Das ehemalige RAD Lager und der ganze Kreis war mit neuntausend Flüchtlingen zum Bersten voll belegt.

Wesentlich erschwert wurden die erste Jahre von der allgemeinen Not. Die schulische Situation war von großer Raumnot (bis 1949 teilte man sich das Schulgebäude auch noch mit dem litauischen Gymnasium, so dass das Gebäude von früh bis spät belegt war), Mangel an Schulbüchern, Unterrichtsmaterialien, Lehrmitteln etc., von großen Lernrückständen und der Überalterung von Teilen der Schülerschaft als Folge der Kriegswirren geprägt. Gleichwohl bemühte man sich im Rahmen des Möglichen, bedürftige Schüler zu unterstützen, sei es durch Schulspeisungen oder geheizte Räume zum nachmittäglichen Aufenthalt. Trotz (oder gerade wegen) der allgemeinen Not gab es auch viel Hilfsbereitschaft und Solidarität der einheimischen Bevölkerung für die evakuierten und geflüchteten Schüler, wie die Chronik vermerkt. Hier tat sich besonders der bereits 1948 gegründete Förderverein hervor. Dass die Lehrkräfte zum Erhalt der Schule (und ihres Arbeitsplatzes) durch erheblichen Gehaltsverzicht (bis zu 40 %) beitrugen, klingt heute fast unglaublich. Trotzdem hätte es beinahe kein Schuljahr 1949/50 mehr gegeben: Nachdem die Währungsreform das finanzielle Polster der Schule beseitig hatte, wurde von der Militärregierung landesweit das Schulgeld abgeschafft und die Lehr- und Lernmittelfreiheit eingeführt, ohne dass diese Einnahmeausfälle zunächst ersetzt wurden. Dies geschah erst nach intensiven Protesten der betroffenen Schulen, und dann auch nur zum Teil, so dass die Eltern das bisherige Schulgeld in Form einer Spende an den Förderverein weiterhin bezahlten, um die Schule zu erhalten.

 

Schon in den Anfangsjahren ergänzten Wandertage, Theaterbesuche, Vorträge und sogar mehrtägige Exkursionen den Unterrichtsalltag. Und mit Kunstausstellungen oder musikalischen Angeboten wirkte die Schule von Beginn an in die Stadtgesellschaft hinein, beides Anliegen, denen sich die Schule bis heute verpflichtet weiß.

 

Am Ende des Schuljahres 1949/50 war eine gewisse Konsolidierung erreicht, wie das Kultusministerium bestätigte, das erkennen konnte,

daß die Besserung der räumlichen Verhältnisse, die Beschaffung von Unterrichtsgeräten, die Opferwilligkeit der Elternschaft und der Freunde der Schule günstige Bedingungen für die schulische Arbeit geschaffen haben. Es wird anerkannt, daß die Lehrer trotz der ungünstigen Besoldungsverhältnisse ihre Pflicht taten und sich darüber hinaus zu Vorträgen zur Verfügung stellten, und daß der Gesichtskreis der Schüler durch Wanderungen und Führungen erweitert wurde.

Wolfram Schröttel, OStD

 

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