75 Jahre

Artikelserie zur Schulgeschichte


Quidquid futurum est summum, ab imo nascitur. -
Auch was das Höchste werden soll, fängt unten an!
(Publilius Syrus)

 

Am 16. Januar 1946, 08.00 Uhr morgens, wurde im alten Schwarzenberger Schulhaus die erste Unterrichtsstunde der Städtischen Oberschule Scheinfeld gehalten, aus der das staatliche Gymnasium Scheinfeld erwuchs.

Unsere Schule kann also in diesem Jahr ihr 75jähriges Bestehen feiern. Aus diesem Anlass wollen wir die Geschichte der Schule in einer kleinen Artikelserie schlaglichtartig beleuchten. Als Quellen dienen hierzu die Jahresberichte sowie – bis 1968 – eine vom langjährigen Schulleiter Dr. Franz Mathy liebevoll gestaltete Schulchronik, die als Digitalisat auch im Scheinfelder Stadtarchiv vorliegt. Dr. Mathy hatte das obige Zitat des Publilius Syrus als Leitmotiv diesem Werk vorangestellt.

Übersicht

Folge 1: Die 40er Jahre

Folge 2: Die 50er Jahre

Folge 3: Die 60er Jahre

Folge 4: Die 70er Jahre

 

 

Im ersten Teil geht es um die Gründung und die vierziger Jahre.

Folge 1: Die 40er Jahre

Zurecht erntete NRW-Ministerpräsident Laschet viel Kopfschütteln für seine Äußerung, Weihnachten 2020 würde das härteste seit Ende des Zweiten Weltkrieges; nur völlige Geschichtsvergessenheit verbunden mit naiver „Gnade der späten Geburt“ können ein solches Urteil hervorbringen. Wirkliche Not sieht ganz anders aus, wie wir aus Dr. Mathys Schilderung der Lage zum Jahreswechsel 1945/6 ersehen:

Hunger und Verzweiflung in den Gesichtern, kümmerliche Reste einer einst reichen Habe im Gepäck, ergoß sich ein Strom von fast zwölf Millionen deutscher Menschen in das vierfach geteilte und verstümmelte Land, dessen Städte zerbombt im Schutte lagen, dessen Fabriken demontiert in aller Herren Länder wanderten.

Überfüllte Wohnungen, überlastete Lager, Schwarzhandel, sittliche Verrohung und Verfall! Das war die allgemeine Lage nach der bedingungslosen Kapitulation in diesem schicksalsschweren Jahre.

Stadt und Kreis Scheinfeld hatten dabei ein besonders hartes Erbe. Eine starke amerikanische Besatzungstruppe lagerte im Städtchen und im benachbarten Schwarzenberg, tausende von der IRO [Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen, WS] betreute Litauer, Polen und andere Nationen bevölkerten das ehemalige RAD Lager und der ganze Kreis war mit neuntausend Flüchtlingen zum Bersten voll belegt.

Da mussten schon viele, fast wundersame Faktoren zusammenkommen, dass ausgerechnet in der 3000-Einwohner-Stadt Scheinfeld eine höhere Schule gegründet werden konnte. V.a. war da der Einsatz der Künstlerin Elli Jüngling, die hartnäckig und erfolgreich um die Errichtung der Schule kämpfte, und in der örtlichen Militärverwaltung sowie dem Bürgermeister Michael Braun wichtige Unterstützer gewinnen konnte.

 

Am 03. Januar kehrten sie mit der mündlichen Genehmigung des Kultusministeriums zur Gründung einer sechsjährigen Oberschule (nach heutiger Zählung die Jahrgangsstufen 5 – 10) aus München zurück und keine zwei Wochen später war das Schulhaus in Schwarzenberg möbliert und der Unterricht konnte mit gut 120 Schülern (darunter, wie in den ersten Jahren konstant, etwa ein Drittel Mädchen) beginnen.

 Schulchronik Schulchronik

Bereits drei Monate später siedelte die Schule in das steinerne RAD-Haus in der Landwehrstraße über, das zur Keimzelle des heutigen Campus wurde (und 2020 dem Neubau weichen musste). Traf im Mai 1946 endlich die schriftliche Genehmigung der Militärregierung zur Errichtung der Schule ein, so ist von einer solchen des Kultusministeriums in den Annalen nicht die Rede.

 

War die Schülerzahl noch im ersten Rumpfschuljahr auf 175 gestiegen, so startete man im Herbst 1946 bereits mit 235 Zöglingen, die von folgenden Lehrkräften unterrichtet wurden:

Direktor Dipl.-Ing. Erwin Hladak (M/Ph/C); P. Friedbert Dobmann (K), Dr. Josef Heimerl (D, L); Emma Hohn (E), Elly Jüngling (Ku, Heimatkunde), Dipl.-Ing Hans Jüngling (M), P. Arnulf Kremer (K/L/B/Kurzschrift); Pfr. Friedrich Löblein (Ev), Pfr. Dr. Georg Nickl (K), Dr. Gustav Pohl (G/Ek/B), Johanna Porzelt (Handarbeiten), Dr. Marianne Sievers (D/F/E/Ev), Elfriede Schmieder (Handarbeiten), Josef Wiesner (Kurzschrift); Friedrich Zaremba (M/C); Sekretärin Sieglinde Jelonek, Hausmeister Hans Schott. Dem ersten Elternrat, der 1947 gewählt wurde, gehörten an: Archivrat Ferdinand Andraschko, Scheinfeld, Georg Biebelriether, Ezelheim, Maria Eigenthaler, Scheinfeld, Josef Götz, Scheinfeld, und Helene Janzen, Scheinfeld.

 

Aufgrund der Umorganisation des bayerischen Schulwesens lief die alte Oberschule aus, im Schuljahr 1946/7 wurden die beiden untersten Klassen nach neuem Lehrplan unterrichtet, wodurch sich der Name der Schule änderte: Städtische Realschule. Diese erhielt schon 1947 die Genehmigung, die Jahrgangsstufe 7 anzugliedern, 1948 folgte die Jahrgangsstufe 8 (damals die oberste), so dass bereits 1949 die erste Abiturprüfung stattfinden konnte, freilich unter Leitung der staatlichen Oberrealschule Kitzingen (und im ersten Jahr unter Ausschluss der Scheinfelder Lehrkräfte). Immerhin zwölf Kandidaten bestanden und wurden zu Vorbildern vieler Hunderter Scheinfelder Abiturienten in den mehr als 70 folgenden Jahrgängen.

 

Seit 1947/8 wurden ab der 3. Jahrgangsstufe der sprachliche (E/L/F) und der mathematisch-naturwissenschaftliche Zweig (E/F) geführt, daneben gab es noch eine humanistische Abteilung für das Seminar des Minoritenklosters Schwarzenberg. Maßgeblich zur Stabilisierung der Schülerzahlen trug die Einrichtung des Schülerheimes 1947 bei, dessen erster Leiter der spätere Direktor Dr. Mathy war. Als die Schule im Schuljahr 1949/50 zu den ersten acht höheren Schulen Bayerns gehörte, der eine Mittelschule (entsprechend der heutigen Realschule) angegliedert wurde, war die Scheinfelder Schullandschaft annähernd so ausgeprägt, wie sie es noch heute ist (es existierten ja noch die Volksschule und die landwirtschaftliche Berufsschule).

 

Das ehemalige RAD Lager und der ganze Kreis war mit neuntausend Flüchtlingen zum Bersten voll belegt.

Wesentlich erschwert wurden die erste Jahre von der allgemeinen Not. Die schulische Situation war von großer Raumnot (bis 1949 teilte man sich das Schulgebäude auch noch mit dem litauischen Gymnasium, so dass das Gebäude von früh bis spät belegt war), Mangel an Schulbüchern, Unterrichtsmaterialien, Lehrmitteln etc., von großen Lernrückständen und der Überalterung von Teilen der Schülerschaft als Folge der Kriegswirren geprägt. Gleichwohl bemühte man sich im Rahmen des Möglichen, bedürftige Schüler zu unterstützen, sei es durch Schulspeisungen oder geheizte Räume zum nachmittäglichen Aufenthalt. Trotz (oder gerade wegen) der allgemeinen Not gab es auch viel Hilfsbereitschaft und Solidarität der einheimischen Bevölkerung für die evakuierten und geflüchteten Schüler, wie die Chronik vermerkt. Hier tat sich besonders der bereits 1948 gegründete Förderverein hervor. Dass die Lehrkräfte zum Erhalt der Schule (und ihres Arbeitsplatzes) durch erheblichen Gehaltsverzicht (bis zu 40 %) beitrugen, klingt heute fast unglaublich. Trotzdem hätte es beinahe kein Schuljahr 1949/50 mehr gegeben: Nachdem die Währungsreform das finanzielle Polster der Schule beseitig hatte, wurde von der Militärregierung landesweit das Schulgeld abgeschafft und die Lehr- und Lernmittelfreiheit eingeführt, ohne dass diese Einnahmeausfälle zunächst ersetzt wurden. Dies geschah erst nach intensiven Protesten der betroffenen Schulen, und dann auch nur zum Teil, so dass die Eltern das bisherige Schulgeld in Form einer Spende an den Förderverein weiterhin bezahlten, um die Schule zu erhalten.

 

Schon in den Anfangsjahren ergänzten Wandertage, Theaterbesuche, Vorträge und sogar mehrtägige Exkursionen den Unterrichtsalltag. Und mit Kunstausstellungen oder musikalischen Angeboten wirkte die Schule von Beginn an in die Stadtgesellschaft hinein, beides Anliegen, denen sich die Schule bis heute verpflichtet weiß.

 

Am Ende des Schuljahres 1949/50 war eine gewisse Konsolidierung erreicht, wie das Kultusministerium bestätigte, das erkennen konnte,

daß die Besserung der räumlichen Verhältnisse, die Beschaffung von Unterrichtsgeräten, die Opferwilligkeit der Elternschaft und der Freunde der Schule günstige Bedingungen für die schulische Arbeit geschaffen haben. Es wird anerkannt, daß die Lehrer trotz der ungünstigen Besoldungsverhältnisse ihre Pflicht taten und sich darüber hinaus zu Vorträgen zur Verfügung stellten, und daß der Gesichtskreis der Schüler durch Wanderungen und Führungen erweitert wurde.

Wolfram Schröttel, OStD

Folge 2: Mit vereinten Kräften: ein staatliches Gymnasium für Scheinfeld und sein Umland

Zu Beginn der 1950er Jahre konnte das Scheinfelder Gymnasium – damals noch unter dem Namen „Realschule Scheinfeld“ – bereits auf zwei erfolgreiche Abiturjahrgänge zurückblicken. Und doch war die Sorge um den Fortbestand der Schule groß und nur allzu berechtigt: Zur Nachkriegsnot, personellen Engpässen sowie widrigen Rahmenbedingungen gesellten sich Rückschläge. Mit Zuversicht allein war es nicht getan. Es bedurfte eines langen Atems, fleißiger Arbeit sowie kluger Absprache vieler Akteure, um an der Verwirklichung eines staatlichen Gymnasiums in unserer Stadt Scheinfeld festzuhalten.

Im zweiten Teil geht es um die Verstaatlichung des Gymnasiums in den 50er Jahren


Die Zukunft ist offen. Wer schwarzsieht, gibt sich keine Mühe und behält am Ende recht, denn er hat das Übel ja kommen sehen – und übrigens nichts zu seiner Verhinderung beigetragen. Wer aber in Problemen Aufgaben erblickt und einen Anspruch an sich selbst, der gibt sein Bestes und packt an – schließlich gilt ja die alte Weisheit: Wer braucht schon Erfolgsgarantien, um Vernünftiges zu tun! Zum Glück gab es in den 1950er Jahren genügend Leute vor Ort, die sich für das Gelingen des Projektes „Gymnasium Scheinfeld“ verantwortlich fühlten, wenn auch die Zukunft der Schule sich nicht gerade rosig präsentierte. Fast sah es sogar so aus, als ob das gerade begonnene Schulprojekt bald schon wieder enden müsste. Raumnot, eine geringe und stark mängelbehaftete schulische Ausstattung, Jahr um Jahr zu lösende schwierige Etatfragen, Änderungen staatlicher Vorgaben (erster Wechsel ins G9!), Lehrermangel und langfristige Lehrkräfte-Ausfälle prägten die Situation. Hinzu kamen schwindende Schülerzahlen, da etliche Familien in großstädtische Regionen abwanderten, in denen das beginnende Wirtschaftswunder mit sicheren und gut bezahlten Arbeitsplätzen lockte.

 

Dr. Mathys Chronik des schulischen Lebens demonstriert in eindrucksvoller Weise, wie in einer bemerkenswerten Zusammenarbeit die Schulleitung, die Stadt Scheinfeld, Landtagsabgeordnete und Kreisräte über Parteigrenzen hinweg sich permanent und schließlich mit bleibendem Erfolg für unser Gymnasium einsetzten: Das zeigte sich bereits im Schuljahr 1950/51, dem „Jahr der Inspektionen“ (Dr. Mathy), als staatliche und kirchliche Repräsentanten sowie solche des US-Militärs die Schule besuchten und die Arbeit in Scheinfeld, besonders mit Blick auf die eingeschränkten Mittel, lobten. Der Ministerialbeauftragte, OStD Dr. Hans Cramer, der die Schule in ihren allerersten Anfängen bereits kennengelernt hatte, stattete ihr einen erneuten Besuch ab und „lobte die Pionierarbeit und Pflichterfüllung der Lehrer, die Verbesserung der räumlichen Verhältnisse und Ausstattung, wenn auch noch viel zu tun sei, um darin den staatlichen Schulen gleichzukommen“ (Dr. Mathy). Ein Lob, das bei den Scheinfelder Akteuren sicherlich gemischte Gefühle hinterließ, denn es verdeutlichte, wie fern doch die Anerkennung als Oberrealschule und das große Ziel der Verstaatlichung lagen. Die Stadt Scheinfeld (Zuwendungen) und sowohl die Eltern (Schulgeld) als auch Lehrer (Gehaltsverzicht) mussten also weiterhin gemeinsam den Fortbestand der Schule auch finanziell sichern. Das wiederholte staatliche Lob für die gute Zusammenarbeit von Stadt und Schule hatte daher stets den Beigeschmack der staatlichen Zurückhaltung bei der finanziellen Förderung der Schule.

 

Aber die Scheinfelder blieben hartnäckig. Dr. Mathy berichtet, wie es weiterging, nachdem mit großer Bemühung der Schulleitung und der Stadt Unstimmigkeiten zwischen verschiedenen politischen Lagern ausgeräumt waren: „Der Antrag der beiden Landtagsabgeordneten Schreiner (BHE) [Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten; P. R.] und Frühwald (BP) [Bayernpartei; P. R.] im kulturpolitischen Ausschuß, die Scheinfelder höhere Schule zu verstaatlichen, bringt jedoch den Stein ins Rollen und bewirkt, dass sich nun alle politischen Vertreter des Kreises […] für die Erhaltung der Schule einsetzen. Vorsprachen des Direktors im Ministerium, Petitionen des Elternbeirats und der Schülermitverwaltung an den Kultusminister erhöhen die Dringlichkeit des Weiterbestandes der Scheinfelder höheren Schule.“ Die beharrliche Fortsetzung der Bemühungen führte im Lauf der nächsten Jahre dann tatsächlich zu entscheidenden Fortschritten: Im Jahr 1952 konnten die Abiturprüfungen erstmals vollständig in Scheinfeld durchgeführt werden. Mit dem 10. April 1954 durfte sich die bisherige Realschule als Oberrealschule bezeichnen, erhielt im Februar 1956 das eigenständige Zeugnisrecht und konnte sogar ein erstes, das zehnjährige, Schuljubiläum feiern.

 

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Das Schülerwohnheim 1950 und der Abschlussball 1953

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Das Kollegium 1955 und Aufnahmeprüfung und Abitur 1959

 

Unsere Zeit ist erfüllt vom Widerstreit zwischen Ost (Kommunismus) und West (Demokratie), von den Bemühungen um die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes und den Problemen der Atom- und Weltraumforschung. (Aus der Grundsteinurkunde)

In all diesen Jahren hielten die Bemühungen der Scheinfelder für ihr Gymnasium an. So etwa wurden 1956 Bürgermeister Lax und der Schuldirektor in München vorstellig, um zu erfahren, wie Dr. Mathy berichtet, „daß die Angelegenheit nicht ungünstig stehe […]. Die Schule habe ihre Pflichten mit Tatkraft erfüllt […]. Die baulichen Voraussetzungen seien jedoch unzulänglich.“

Der Kreis [Scheinfeld] sprang ein und übernahm die Hälfte der Kosten für einen Schulhausneubau sowie den künftig bestehenden Sachaufwand. Damit war die letzte staatliche Auflage erfüllt.
Nachdem die Stadt Scheinfeld am 7. Februar 1950 erstmals einen Antrag gestellt hatte, wurde die Scheinfelder Oberrealschule nach über siebeneinhalb Jahren am 1. Oktober 1957 endlich verstaatlicht und konnte am 14. Juli 1959 der Grundstein für einen Neubau feierlich gelegt werden. Die, von Elly Jüngling gestaltete, Grundsteinurkunde schließt mit dem frommen Wunsch: „Möge Gott alles zum Guten lenken, unsere Schule erhalten und ihr Blühen und Gedeihen schenken.“

 

Grundsteinlego Richtfest

Grundsteinlegung und Richtfest 1959 (Goethebau)

Ein Wunsch, der sich in den 50er Jahren gerade im Schulleben erfüllte. Neben einer hohen Solidarität in der Lehrerschaft, die sich in langfristiger Vertretungsarbeit für erkrankte Kolleginnen und Kollegen erwies und damit die gediegene Qualität und die Kontinuität des regulären Unterrichtsbetriebs sicherstellte, war es der Idealismus einzelner Lehrerinnen und Lehrer, der für ein abwechslungsreiches Schulleben mit Exkursionen, Museumsbesuchen, Filmvorträgen, innovativem Sportunterricht und – nicht zuletzt! – musischen Veranstaltungen sorgte. Die Leibesübungen, also den Sportunterricht, übernahm 1957 erfolgreich „ein Lichtblick“ (Dr. Mathy), nämlich Diplomsportlehrer Stöckner. Hervorzuheben sind ferner anspruchsvolle Theater- und Musikaufführungen, die über die Grenzen der Schule hinaus wirkten. Bereits in den 1950er Jahren war damit ein zweifaches Erfolgsmerkmal unseres Gymnasiums erkennbar: die verlässliche Unterstützung durch die Stadt Scheinfeld und die gelebte Auffassung, dass ein Gymnasium das regionale Kulturleben zu bereichern habe.

Peter Reus, StD

 

Folge 3: Baumaßnahmen als sichtbares Zeichen des steigenden Wertes gymnasialer Bildung im ländlichen Raum: Die 60er Jahre

Die Fertigstellung und Übergabe des heutigen Goethebaus an die Schule am 09. Januar 1961 und die Errichtung des (inzwischen bereits abgerissenen) Zwischenbaus ab 1969 rahmen die 60er Jahre, in deren Mitte die höhere Schule in Scheinfeld 1965 die Bezeichnung „Gymnasium Scheinfeld“ erhielt, die sie bis heute mit Stolz trägt. Damals wie heute bietet sie ihren Schülerinnen und Schülern mit dem mathematisch-naturwissenschaftlichen (heute: naturwissenschaftlich-technologischen) und dem (neu)sprachlichen Zweig die beiden Ausbildungsrichtungen an, die in Bayern von den bei weitem meisten Gymnasiasten besucht werden. Im dritten Teil unserer Serie sind die (in Scheinfeld eher ruhigen) 60er Jahre Thema.

Wie sehr Stadt und Landkreis Scheinfeld ihr Gymnasium schätzten und auf seine Existenz stolz waren, zeigt sich schon darin, dass auch nach Fertigstellung des ersten Erweiterungsbaus (Goethebau) fortwährend weiter investiert wurde; genannt seien hier nur die bereits 1961 begonnene Modernisierung des Altbaus und der 1963/64 realisierte Umbau der ehemaligen Stadthalle (heute als Wolfgang-Graf-Halle wieder in dieser Funktion) zur Turnhalle, die zugleich für Theateraufführungen, Konzerte und Vorträge genutzt werden konnte.

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Goethebau und Turnhalle

Die Schulchronik von Dr. Mathy als wichtigste Quelle für die ersten gut zwanzig Jahre der Schulgeschichte weist für den zweiten Teil der Schulleiterzeit ihres Verfassers (Dr. Mathy trat 1968 in den Ruhestand und ließ die Chronik damit auch auslaufen) eine angesichts der geringen Größe der Schule erstaunlich breite und hochkarätige außerunterrichtliche Aktivität aus, mit der die Schule das kulturelle und gesellschaftliche Leben der Kreisstadt und des Landkreises prägte und damit uns Heutigen hohe Vergleichsmaßstäbe vor Augen hält. Hochkarätiges Theater (bevorzugt Komödien), herausragende musikalische Darbietungen wie Konzerte, Weihnachtsoratorien und – als absoluter Höhepunkt – Orffs Carmina Burana, schulinterne und öffentliche Vorträge bekannter Wissenschaftler und Politiker prägten das Schulprofil ebenso wie gesellige Veranstaltungen, so etwa Abschlussbälle von Tanzkursen, Faschingsveranstaltungen (samt der Teilnahme am Umzug mit eigenem Wagen) und gemeinsame Liederabende mit örtlichen Gesangsvereinen. Mit Weihnachtsliedern erfreute der Chor regelmäßig die Bewohner von Altenheimen und die Patienten des Krankenhauses in Iphofen. Den Schülern und Schülerinnen wurden auch schon Skikurse (und Skimeisterschaften in Scheinfeld!), zahlreiche Exkursionen (zum Teil mit der gesamten Schule!) und Fahrten angeboten, letztere zumeist noch im Inland, aber z.B. auch schon nach England und Frankreich. Rege und sehr erfolgreiche Aktivitäten entfaltete die Schule auch im sportlichen Bereich, wobei immer wieder von erfreulichen Erfolgen bei Vergleichswettkämpfen berichtet werden konnte.

Skimeisterschaften und Frankreichaustausch

Besonders breiten Raum nimmt in Dr. Mathys Chronik der Sieg einer Abiturientengruppe im Fernsehquiz „Anruf genügt“ 1963 ein, mit dem sie eine Flugreise nach Berlin für den ganzen Jahrgang gewann. Schulleiter und Schüler, Bürgermeister und Bewohner Scheinfelds bereiteten dem siegreichen Team, Klaus Herzog, Michael Naumann (der spätere Kulturstaatsminister und Herausgeber der ZEIT) und Ingo Peters, bei der Rückkehr aus München einen triumphalen Empfang, wie ihn sonst nur Spitzensportlern zuteil wird. Für den stolzen Schulleiter war dieser Erfolg ein schlagender Beweis dafür, dass auch kleine Landschulen Bildungserfolge erzielen können, die denen in den großen, traditionsreichen Stadtgymnasien in nichts nachstehen – ein Anspruch, den das Gymnasium Scheinfeld bis heute erheben kann, was die ausgezeichneten Abiturergebnisse der letzten Jahre belegen.

Aller Sorgen waren die Schule und ihr Leiter in diesen Jahren freilich keineswegs ledig. Vor allem zwei Themen trieben Dr. Mathy um: zum einen die Lehrerversorgung, bei der es immer wieder zu Engpässen und häufigem Wechsel kam, denn zeitweise bestand der Lehrkörper nur zu knapp zwei Dritteln aus Stammpersonal, dem über ein Drittel Referendare und Aushilfskräfte gegenüberstanden; zum anderen die bis 1967 bei ca. 270 stagnierende Schülerzahl, davon kaum mehr als 20 % Mädchen, die aus einer schon damals (wie leider heute wieder) deutlich unterdurchschnittlichen Übertrittsquote in die höhere Schule resultierte.

Neuer Schulleiter Dr. Wolf & Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Dr. Mathy

Besserung gab es bei beiden Problemfeldern erst am Ende der Ära Dr. Mathy und zu Beginn der Dienstzeit seines Nachfolgers Dr. Wolf. Zum einen wurden der Schule nun eine ganze Reihe junger Lehrkräfte frisch aus dem Referendariat zugewiesen, von denen einige der Schule ihre ganze Dienstzeit über treu blieben und sie über Jahrzehnte prägten. Schon im Jahresbericht 1969/70 finden sich die Namen von Kollegen, die dem Unterzeichneten bei seinem Eintritt ins Kollegium 1998 als Vorbilder dienten: Norbert Bitter, Helmut Döbrich, Georg Drummer, Heiko Fenzl, Manfred Heindel und Dr. Konrad Lechner.

Parallel dazu kam die Bildungsexpansion auch in Scheinfeld an. Man schloss sich der bundesweiten Kampagne für mehr Schüler –  v.a. mehr Schülerinnen! – an Gymnasien erfolgreich an (u.a. mit einem selbstgedrehten Farbfilm!) und es gelang, neue Schichten für eine gymnasiale Bildung zu gewinnen. Durch zahlreiche Neueintritte in die fünfte Klasse wuchs die Schülerzahl im Schuljahr 1967/8 erstmals seit der Ausgliederung der Mittelschule über 300, zwei Jahre später waren es schon 370, darunter bereits mehr als ein Drittel Mädchen. Diese Entwicklung führte nicht nur zum Entschluss, mit dem eingangs erwähnten Zwischenbau die bestehenden Baukörper zu verbinden und neben einer modernen Aula und Funktionsräumen mehrere Klassenzimmer sowie einen neuen Biologiebereich zu bauen, sondern verführte den Schulleiter Dr. Wolf auch dazu, unter Fortschreibung der wachsenden Schülerzahlen für das Jahr 1979 bis zu 600 Gymnasiasten für Scheinfeld zu prognostizieren – eine zu optimistische Vorhersage, wie sich herausstellen sollte.

Statistik 1965 und (zu) hohe Prognose der Schülerzahlen für 1979 von Dr. Wolf

Auf hohem Niveau und mit erstaunlicher Aktualität: Deutsch-Schulaufgabenthemen der Oberstufe aus dem Jahresbericht 1969/70:

  • Der Starkult unserer Zeit
  • Warum ist Toleranz eine unentbehrliche Grundlage jeder Demokratie?
  • Schließen Politik und Charakter einander aus, oder macht erst der Charakter die Politik wertvoll?
  • Es gehört zum Wesen eines Rechtsstaats, daß er eine staatsfreie Sphäre anerkennt.
  • In einem demokratischen Staate sollte die Schule die jungen Menschen lehren zu argumentieren, ohne zu streiten, zu streiten, ohne zu verdächtigen, zu verdächtigen, ohne zu verleumden.
  • Die Idee des Weltfriedens gestern und heute

Wolfram Schröttel, OStD

 

 

Folge 4: Die Aula unseres Gymnasiums – das Herz des Gebäudes

Zu Beginn der 1970er Jahre wurde die erste Schulbauphase unseres Gymnasiums mit dem Verbindungsbau zwischen Alt- und Neubau abgeschlossen. Mit diesem, ursprünglich als Zwischenbau bezeichneten, Gebäudeteil erhielt die Schule endlich eine Aula. Sie wurde rasch das Zentrum des schulischen Lebens – und sollte es für die folgenden knapp fünf Jahrzehnte bis zu ihrem Abriss im Jahr 2020 auch bleiben. Gleichwohl waren neue Herausforderungen zu meistern. Während der kommunalen Gebietsreform und der Einführung der neuen Kollegstufe galt es auch, sich zeitgemäß über die Ziele eines Gymnasiums zu verständigen.

 

Im vierten Teil geht es um die Fertigstellung des alten Schulgebäudes und das Selbstverständnis eines Gymnasiums in den 1970er Jahren.

 

Der Zwischenbau war also errichtet und die Schule verfügte zu Beginn des neuen Jahrzehnts mit ihrer neuen, 260 Quadratmeter großen Aula zugleich über eine Pausenhalle. Am späten Vormittag des 17. Juli 1971 konnten im Rahmen eines Festaktes zugleich der Neubau eingeweiht und das 25. Schuljubiläum gefeiert werden.

Studiendirektor Mannes hält hierzu für den Jahresbericht diese Beobachtungen und Gedanken fest:

„Damit steht das Gymnasium in baulicher Hinsicht vollendet da und kann den kommenden beachtlichen Aufgaben mit Gelassenheit entgegensehen. Wir wollen das 25jährige Gründungsfest feiern und uns gemeinsam des Erreichten freuen. Wir wollen aber nun nicht die Hände in den Schoß legen, sondern weiter danach trachten, dass unser gemeinsames Werk edle Früchte trägt. Den Augenblick genießen, sich aber nicht darin verlieren, ist das vornehmste Grundgesetz aller Lebensweisheit!“

Es scheint ganz so, als ob Erwin Mannes, der „ständige Stellvertreter des Anstaltsleiters“ (sic!), damit das kommende Jahrzehnt schon visionär zusammengefasst habe: Da sind zum einen die neuen baulichen Gegebenheiten, die großzügige Unterrichtsvoraussetzungen bieten, und zum anderen die aktuellen schulischen, politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Beginnen wir mit den Vorzügen des Neubaus: Der Zwischenbau mit Aula und den Biologie-Fachräumen im Obergeschoss bot auch Raum für mehrere moderne Klassenzimmer samt Film- und Werkraum sowie einem Sprachlabor und einem Aufenthaltsraum für Fahrschüler/innen. Zugleich konnten Goethebau-Klassenzimmer in Physik- und Chemie-Übungsräume umgestaltet werden: eine weitere Bereicherung der Unterrichtsmöglichkeiten am Gymnasium Scheinfeld. Es gab also allen Grund, sich des Erreichten zu erfreuen.

 

Abiturjahrgang 1972 mit Klassenleiter Manfred Heindel links und Schulleiter Dr. Wilhelm Wolf rechts und Dr. Norbert Bitter mit Schüler-Sportlegenden

 

Gleichwohl galt es, manche Herausforderungen der Zeit zu meistern. Da war zunächst die kommunale Gebietsreform, die bekanntlich mit der Auflösung des Landkreises Scheinfeld am 1. Juli 1972 und der Neudefinition von Gemeindegrenzen einherging und unüberschaubare Folgen für die Entwicklung der Schüler/innen-Zahl und damit den Fortbestand der Schule nach sich zog. Dann ist die Einführung der neuen Kollegstufe zu nennen. Das Gymnasium Scheinfeld war als sogenannte Versuchsschule Vorreiter dieser schulischen Entwicklung im Schuljahr 1973/74. Kollege Döbrich, der erste Kollegstufenbetreuer der Schule, stellt die Entwicklung im Schuljahresbericht vor:

„Noch am Ende des vergangenen Schuljahres waren unsere Elftkläßler und deren Eltern eingehend über das Modell unterrichtet worden, damit sie eine begründete Entscheidung für oder gegen das Modell treffen konnten. Um ein möglichst ungeschminktes Bild von der Realität zu vermitteln, hatten wir auch Kollegiaten eines Erlanger Gymnasiums eingeladen, die dann unseren Schülern in einer Fragestunde Rede und Antwort standen. Nach der positiven Entscheidung von Schülern, Eltern und Lehrern und der Genehmigung des Schulversuchs durch das Ministerium begann dann in diesem Schuljahr [1973/74; P. R.] die Vorbereitung unserer 11. Klassen auf die Kursphase, die die bisherigen Jahrgangsstufen 12 und 13 umfaßt.“ Bereits im folgenden Jahresbericht, bilanziert Döbrich zuversichtlich seine ersten Erfahrungen mit der neuen Oberstufe, in der „die Schüler wenigstens in einigen Fächern einen Eindruck von dem gewinnen, was sie später an der Universität [erwartet]“.

 

Doch damit nicht genug! Bei der Lektüre der alten Jahresberichte sticht zweierlei noch ins Auge: Zum einen die ungemein große Zahl und Vielfalt der Aktivitäten und zum anderen die permanente nachdenkliche Reflexion schulischer Entwicklungen und Perspektiven, die vor allem von Lehrerinnen und Lehrern vorgetragen wird und der sich nach und nach Eltern- und SMV-Vertreter/innen anschließen.

 

Auf den ersten Blick fallen da die Fotos und Kurzberichte denkwürdiger Veranstaltungen auf: Diese zeugen ebenso von zahlreichen Sportereignissen mit staunenswerten Leichtathletik-Leistungen, Musikkonzerten, aufwendigen Stabpuppenspiel- und Theateraufführungen bis hin zur künstlerischen Schulraumausgestaltung wie sie an Veranstaltungen zur politischen Bildung, Exkursionen und Universitätsbesuche sowie Autorenlesungen erinnern. Als im Januar 2021 in den Nachrichten vom Tod des Dichters Ludwig Fels in Wien berichtet wurde, gedachte vielleicht die ein oder andere Schülerin dessen Autorenlesung und der anschließenden Diskussion am 29. April 1976 im Filmsaal unseres Gymnasiums. Die SMV trug ebenfalls erheblich zur Abwechslung im Schulalltag und zur Stärkung der Schulgemeinschaft bei: Sie veranstaltet Jazz- und Rockkonzerte, organisiert einen Filmclub, um cineastische Perlen zu diskutieren, arrangiert nicht nur eine Tanzveranstaltung in Oberscheinfeld, sondern sorgt auch für einen sicheren abendlichen Bus-Shuttle-Service zur Beruhigung der Eltern, und … - nun, sie wünscht sich bei alledem mehr Mitarbeit ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler an den gemeinsamen Projekten. Auch in den 1970er Jahren fielen erfolgreiche Schulveranstaltungen nicht vom Himmel.  

Dichterlesung (links) und Ministerbesuch im Politischen Arbeitskreis

 

Wie gesagt, wurde all dies kritisch von der Schulgemeinschaft begleitet. In den Jahresberichten wird ebenso über den Stellenwert besonderer Schulveranstaltungen räsoniert wie über die Rolle der politischen Bildung oder die neue Einrichtung des Leistungskurses Sport. Aktuelle gesellschaftliche Diskussionen – Stichwort: antiautoritäre Erziehung – finden ebenso ihren Reflex im Jahresbericht wie die ersten Erfahrungen mit dem Schwimmunterricht oder dem Sprachlabor.

 

Manches davon wird gewiss auch in der Aula diskutiert worden sein. So war das wohl bereits am 17. Juli 1971, dem Tag ihrer Einweihung, als nachmittags ein Ehemaligentreffen abgehalten wurde, und so war es auch bei der allerletzten Aula-Veranstaltung, dem Weihnachtsmarkt der SMV und der neunten Klassen am 20. Dezember 2019, als am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien ehemalige Schülerinnen und Schüler sich zahlreich einfanden, um ein letztes Mal in „ihrer“ alten Aula zu stehen und im gemeinsamen Plausch die Schulgemeinschaft zu genießen.

Peter Reus, StD

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