Beiträge zum Jahresbericht

Unsere thematischen Serien, die wir über Jahre hinweg im Jahresbericht veröffentlicht haben, werden hier präsentiert.

(Beinahe) Vergessene Dichter und Denker

 

 

 

Im Jahresbericht zum Schuljahr 2009/2010 findet sich ein Artikel über den Philosophen Peter Wust. Er stellt den Auftakt zu einer Reihe von Artikeln dar, die an allgemein weniger bekannte oder sogar inzwischen weithin vergessene Dichter und Denker erinnern wollen. Die Schulhomepage bietet nun für alle Interessierten Lesetipps und relevante Internetlinks:

Vol. 1 (Jahresbericht 2009/2010):

Peter Wust – ein Denker der menschlichen Freiheit und Religion

Äußerer Anlass: 125. Geburtstag (2009)

70. Todestag (2010)

Vor 70 Jahren, am 3. April 1940, verstarb in Münster ein Universitätsprofessor, der als der Philosoph von Münster in die Stadtgeschichte eingehen sollte. Damals weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt, in der Nachkriegszeit noch mit einer feinen Gesamtausgabe seiner Werke beehrt und häufig zitiert, ja sogar als Vorlage einer literarischen Figur von Hermann Kasack in Anspruch genommen, ist der Philosoph heute fast ganz vergessen. Zu unrecht. In dieser und den folgenden Ausgaben des Jahresberichts soll an solche vergessenen Dichter und Denker erinnert werden. Beginnen wir also dieses Jahr mit einem Blick auf Peter Wust, dessen 125stem Geburtstag im Jahr 2009 gedacht wurde und dessen Todestag sich im Jahr 2010 zu 70sten Mal jährt.

Biographie

Peter Wusts Lebensweg gleicht einem kleinen Wunder. Der Philosoph wird 1884 in Rissenthal (Saarland) als erstes von elf Kindern in ärmlichsten Verhältnissen geboren und muss bereits früh neben dem Besuch der Volksschule zum Broterwerb der Familie beitragen. Höhepunkte seiner Kindheit und Jugend sind Gespräche mit einem Hirten, den auch der spätere Philosophieprofessor noch als einen wahren Sokrates in dankbarer Erinnerung halten wird. Von der Wissbegier des Schülers zeugt die folgende Geschichte:

Der junge Wust erfährt im patriotisch geprägten Unterricht der wilhelminischen Zeit, der Kaiser sei ein Freund der Kinder, und gelangt unter großen Mühen an Briefpapier und Briefmarke – um schließlich einen Brief mit der Bitte um eine Kiste Bücher an den deutschen Kaiser Wilhelm II zu senden! Hoffnungsvolle Wochen verstreichen, in denen der kleine Wust sich in Gedanken immer wieder die Ankunft der Bücherkiste ausmalt. Als er schon langsam die Hoffnung aufgibt, wird sein Vater vor Kreis- und Schulbehörden zitiert, wo dieser sich für das als ungebührlich empfundene Verhalten seines Sohnes entschuldigen muss. Ein herber Schlag für den interessierten Volksschüler.

Ein Leben als Kleinbauer und Hirte scheint vorgezeichnet, als dem Dorfpfarrer das Talent des nun schon fast 14jährigen Volksschulabsolventen auffällt. Der Geistliche erteilt Wust kostenlosen Unterricht, vor allem in den alten Sprachen, damit er an der Aufnahmeprüfung eines Trierer Gymnasiums teilnehmen kann, die Wust dann auch als knapp 16jähriger besteht. Es folgen das Abitur im Jahre 1907 und das Studium der Germanistik und Anglistik an den Universitäten Berlin und Straßburg. Er strebt das Gymnasiallehramt an: eine herbe Enttäuschung für seine frommen Eltern, die mit einem Theologiestudium rechneten, das den Priesterberuf vorbereiten sollte. Neben den Pflichtstudiengängen und notgedrungenem Nachhilfeerteilen betreibt Wust philosophische Studien. Auch nach dem Staatsexamen lässt ihn die Philosophie nicht los. Der Gymnasiallehrer kontaktiert Oswald Külpe in Bonn und wird dort 1914 mit einer Arbeit über John Stuart Mill promoviert. Im folgenden Jahr wechselt Wust an das Kaiser-Wilhelm-Gymnasium nach Köln – eine folgenschwere Entscheidung, denn in der alten Domstadt freundet er sich mit Max Scheler an, einem der größten intellektuellen Impulsgeber seiner Zeit. Das nächste Jahrzehnt ist geprägt durch die Gründung einer Familie und die Arbeit an ersten bedeutenden philosophischen Studien. Wust steht inzwischen in regem Austausch mit zahlreichen Philosophen in Deutschland und Frankreich. Im Jahr 1930, Wust ist bereits 46 Jahre alt, ereilt ihn wie aus dem Nichts der Ruf an die Universität Münster. Es ist übrigens Preußens Kulturminister Adolf Grimme selbst, der die Neubesetzung eines Lehrstuhls für Philosophie mit dem nicht habilitierten Wust durchsetzt. Der frisch gebackene Universitätsprofessor überzeugt vor allem durch seine Vorlesungen, die bald schon den größten Hörsaal der Universität füllen. Ab 1933 erhalten die Vorlesungen noch größeren Zuspruch. Das lag daran, dass Wust, wie er es einmal in einem Brief an Joseph Pieper ausdrückte, seine Knie nicht vor Bal beugte. Seine Zuhörer bemerken dies, aber auch die Gestapo, die ihn fortan beobachtet.

In den späten 1930er Jahren erkrankt Wust an Kieferkrebs, muss schmerzhafte Operationen über sich ergehen lassen und schließlich seine Lehrtätigkeit aufgeben. Todkrank verfasst er unter großen Schmerzen das von zahlreichen Schülern erbetene Abschiedswort. Dieses wurde im Jahre 2007 von der Peter-Wust-Gesellschaft neu herausgegeben, da es jahrelang nur noch antiquarisch erhältlich war. Rasch war dieser Neudruck vergriffen und bereits 2008 erschien eine weitere Auflage. Es scheint ganz so, als habe Peter Wust mit seinen letzten Gedanken den Nerv heutiger Leser getroffen. In den letzten Monaten seines Lebens kann sich der Philosoph nur noch schriftlich mit seinen Gästen verständigen. Nach langem und qualvollem Leiden, stirbt Wust am 3. April 1940.

Werk und Bedeutung

Wust gilt als der Vertreter einer christlichen Existenzphilosophie. Doch ist mit einem solchen Etikett nur wenig gesagt. Nachfolgend sollen daher fünf Gründe genannt werden, sich mit dem Leben und Werk Peter Wusts zu befassen:

1. Wust stellt in den Mittelpunkt seines Denkens den Menschen selbst, den er immer als konkrete Person denkt. Wenn Wust über den Menschen nachdenkt, dann zeigt er, dass der einzelne Mensch mehr ist als nur das Exemplar einer Gattung. Der einzelne Mensch ist für Wust die freie Person, die sich in den Grenzen ihrer Möglichkeiten zu einem guten oder einem schlechten Leben entscheiden kann.

2. Wust kennt die Chancen und die Gefahren des modernen Denkens. Er zeigt eindringlich die Irrwege und Sackgassen neuzeitlicher Reflexion auf. Schließlich hat er selbst die Folgen einer falsch verstandenen Aufklärung (mit ihrer kalten Rationalität, welcher Gedankenkonstrukte wichtiger sind als Mitmenschen) am eigenen Leib erfahren und blickt in späteren Jahren mit großer Scham auf eigene Phasen intellektueller Überheblichkeit zurück.

3. Wust demonstriert eindrucksvoll, dass der Mensch immer auch auf der Suche nach dem Sinn seiner Existenz ist. Der wahrhaft philosophierende Mensch zeigt sich als homo viator auf beständiger sinnsuchender Wanderschaft. Hierbei bricht Wust mit dem Optimismus der Aufklärung. In feinsinnigen Beobachtungen und subtilen Gedankengängen zeigt er auf, dass Ungewissheit und Wagnis, so auch einer seiner Buchtitel, notwendig zu unserem Leben gehören.

4. Wust ist eine exemplarische Existenz. Das meint, dass Wust nicht nur über das Leben und die Werte des Menschen nachdenkt, sondern diese auch in ihrem Reichtum verkörpern will. Als Existenzphilosoph muss sein Leben dem Anspruch des eigenen Denkens genügen.

5. Wust lebt als Philosoph und zugleich gottgläubiger Mensch. Das geht so weit, dass er in seinem Abschiedswort das Gebet für bedeutender hält als die Reflexion. Gleichwohl behauptet er dem Münsteraner Kardinal von Galen gegenüber die Notwendigkeit eines letzten Zweifelns. So bleibt Wust in all seinem Denken und Beten gleichwohl der insecuritas humana (der Un[ge]sichertheit des menschlichen Daseins) verpflichtet. Dieses Bekenntnis zum menschlichen Maß verweist übrigens auf Wusts lebenslange Auseinandersetzung mit Goethe und dem Geist der Klassik.

Peter Reus, OStR

 

Derzeit erhältliche Werke von Peter Wust:

Ungewißheit und Wagnis. Neu herausgegeben im Auftrag der Peter-Wust-Gesellschaft von Werner Schüßler und F. Werner Veauthier. Einleitung und Anmerkungen von Werner Schüßler; Münster 2002. [224 S.] Peter Wust zeigt auf, wie das Wagnis zu einem Leben als Mensch dazugehört. Er eröffnet seine Untersuchung mit einem ausführlichen und genauen Blick auf die Parabel vom verlorenen Sohn [Lukas 15, 11-32]

Gestalten und Gedanken; Blieskastel 1996. [271 S.] In diesem Werk lenkt Peter Wust den Blick auf sein eigenes Leben und verbindet die prägenden Einflüsse seiner Kindheit und Jugend mit jenen seiner Philosophenbiographie. Interessant ist auch die dem Werk unausgesprochen zugrunde liegende Überlegung zur biographischen Bedeutung von dörflicher und städtischer Lebenswelt.

Ein Abschiedswort. Neu herausgegeben im Auftrag der Peter-Wust-Gesellschaft von Herbert Hoffmann und Werner Schüßler. Nachwort von Werner Schüßler; Berlin (2.A.) 2008. [35 S.] Wust kommt in der letzten Phase seines Lebens dem gemeinsamen Wunsch zahlreicher ehemaliger Studenten nach und verfasst ein Abschiedswort.

Derzeit erhältliche Literatur über Peter Wust:

Blattmann, Ekkehard (Hrgs.): Peter Wust. Aspekte seines Denkens. F. Werner Veauthier zum Gedächtnis; Münster 2004. [302 S.] In dieser Aufsatzsammlung zu Ehren des Philosophen Werner F. Veauthier [+27.01.2003] werden ein Aufsatz von Veauthier sowie 13 weitere Texte präsentiert, welche sich mit dem Werk Peter Wusts befassen. Veauthiers Aufsatz bietet sich übrigens als Ergänzungslektüre zu Wusts Ungewissheit und Wagnis.

Schüßler, W., „Geborgen in der Ungeborgenheit.“ Einführung in Leben und Werk des Philosophen Peter Wust (1884-1940), Münster 2008, [90 S.] Der Trierer Professor für Philosophie ist als Experte für Leben und Werk Paul Tillichs international bekannt. Seine profunde Auseinandersetzung mit Peter Wusts Werken führte neben anderen Arbeiten über Peter Wust auch zu dieser Einleitungsschrift, die sich nicht allein an Philosophiestudenten und Fachkollegen wendet. Schüßlers Text eröffnet dank seiner vorbildlich klaren und anschaulichen Darstellung jedem interessierten Laien einen verlässlichen Zugang in die Gedankenwelt des Philosophen von Münster.

 

Internetlink:

http://www.peter-wust-gesellschaft.de

Der Erinnerung an Leben, Werk und Wirkung widmet sich die Peter-Wust-Gesellschaft. Die Gesellschaft verleiht im Gedenken an den Philosophen von Münster jährlich den Peter-Wust-Preis. Ferner gibt sie in der Publikationsreihe „Peter-Wust-Edition“ Werke von und über Peter Wust heraus und hält mit regelmäßigen Veranstaltungen diesen Philosophen und seine Gedanken in Erinnerung.

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Vol. 2 (JB 2010/2011): August Buchner

Äußerer Anlass: 420. Geburtstag und 350. Todestag (2011)

August Buchner - Gelehrter in schwieriger Zeit

"Red nicht so geschwollen daher!" - das rufen wir gerne Menschen zu, die sich in ihrer Rede so hervortun, als böten sie gerade die letzte Flasche Cola in der Wüste an. August Buchner, ein Gelehrter der Barockzeit, studierte die Schriften seiner Zeitgenossen und stolperte nicht selten über geschwollenes Daherreden. Als Professor für Poetik und Rhetorik fand Buchner dieses aufgeblasene Reden interessant, als Intellektueller verzieh er es nicht. Und so kam es, dass er nach einem Seitenblick auf den ärztlichen Sprachgebrauch als erster den Schwulst in der Sprache klar als solchen benannte und schließlich verteufelte.

Diese sprachwissenschaftliche Entdeckung ist mehr als ein bloßes Detail der Forschungen eines lange verblichenen Gelehrten, dessen Lebensdaten (1591-1661) sich in diesem Jahr zum 420sten bzw. 350sten Male jähren und an den wir in dieser Ausgabe des Jahresberichtes erinnern wollen. Wer ein wenig genauer auf Buchners Biographie blickt, erkennt in der Brandmarkung schwulstiger Sprache nicht nur das Forschungsergebnis eines ohnehin mit Stilfragen befassten Professors.

Biographie

August Buchner wird am 2. November 1591 als Sohn eines weit gereisten Militärs und erfolgreichen Festungsbauers geboren, dessen politische Verdienste die Familie 1596 in den Adelsstand führen. Buchners Bildungslaufbahn erreicht 1604 einen ersten Höhepunkt mit der Aufnahme in das berühmte Gymnasium Schulpforta. Sechs Jahre später wird er als Student an der Universität Wittenberg angenommen. Seine Studien schließt er im Jahre 1616 erfolgreich mit dem Magistergrad ab, woraufhin er noch im selben Jahr die Nachfolge seines Lehrers Rhodenburg als Professor für Poesie (arte poetica) an der Universität antritt: Nach fünfzehnjähriger Lehrtätigkeit übernimmt er an derselben Universität den Lehrstuhl des berühmten Rhetorikers Avenarius. Für mehrere Amtszeiten, so lange wie niemand vor ihm, bekleidet er das Amt des Hochschuldirektors (aber auch das des Dekans) und tritt immer wieder als Sprecher der Hochschule auf, zum Beispiel bei Verhandlungen mit seinem Dienstherren, dem Kurfürsten von Sachsen. Bereits nach wenigen Jahren als Professor gilt Buchner vielen seiner Kollegen und Studenten als Vater der Universität Wittenberg. Stets um die rechte Formulierung bemüht, ist der Wissenschaftler zwar ein guter Schriftsteller, indes kein guter Redner. In schwieriger Zeit - der Dreißigjährige Krieg, Pestepidemien und Hungersnöte fallen in seine 45-jährige Dienstzeit an der Hohen Schule zu Wittenberg - hält er den Lehrbetrieb aufrecht und bestätigt den hervorragenden Ruf der Universität. Das dürfte nicht einfach gewesen sein, wenn man bedenkt, dass der fleißige Gelehrte oft kriegsjahrelang kein Gehalt ausgezahlt bekommt und so mit seiner Frau und den elf Kindern ein sehr karges Leben fristen muss. Dabei mangelt es nicht an lukrativen Angeboten anderer Bildungseinrichtungen. Doch bemühen sich die Universität im schwedischen Uppsala oder verschiedene deutsche Gymnasien vergeblich um Buchners Dienste - darunter auch ein Hamburger Gymnasium, das Buchner nicht zu einer Aufgabe seiner Arbeit in Wittenberg motivieren kann. Das Renommee einer Rektorenstelle in der bedeutenden Hansestadt sowie das Angebot höherer und vor allem regelmäßiger Einkünfte beeindrucken ihn wenig. Ihm ist es wichtiger, die umfangreiche Korrespondenz mit seinen zahlreichen Kollegen und ehemaligen Schülern aufrechtzuerhalten und das gut bestellte Haus der Hohen Schule zu Wittenberg in schwerer Zeit nicht im Stich zu lassen. In einem Brief aus dem Jahre 1639 schildert Buchner seine Situation und gibt ein beredtes Zeugnis humanistischer Stoa: "Wir hungern wacker, von Tag zu Tag geht es uns schlechter; doch das Unvermeidliche muss ertragen werden." Nach 45 Dienstjahren (und 45 Ehejahren!) stirbt Buchner am 12. Februar 1661. Seine Zeitgenossen erinnern sich nicht allein an den großen Gelehrten, sie gedenken auch eines gläubigen Christen und überzeugten Lutheraners, der sich durch eine große Menschenfreundlichkeit auszeichnete. (Alle biographischen Daten entstammen folgender Quelle: BUCHNER, Wilhelm: August Buchner, Professor der Poesie und Beredsamkeit zu Wittenberg. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Schriftlebens im siebzehnten Jahrhundert; Hannover 1863, S. 3-12.)

Werk und Bedeutung

Buchner war Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft, einer Vereinigung Adliger, Dichter und Gelehrter zur Pflege der deutschen Sprache, die Maßstäbe setzte für die Ausformung der heutigen hochdeutschen Schriftsprache sowie die Gestaltung einer Poetik deutschsprachiger Werke. Nicht zuletzt Buchners Überlegungen ist zu verdanken, dass unzählige Fremdwörter durch gleichwertige deutschsprachige Wörter ersetzt wurden. In seinen Bestrebungen um ein authentisches ("reines" hätte man damals gesagt) Deutsch war der Professor jedoch nie fanatisch. Lange schon gebräuchliche Fremdwörter (z. B. Cörper) wollte er in deutscher Schreibweise (z. B. Körper) endgültig in den deutschen Wortschatz aufnehmen. (Vgl. hierzu: SCHULTZ, Hans: Die Bestrebungen der Sprachgesellschaften des XVII. Jahrhunderts für Reinigung der deutschen Sprache; Göttingen 1888, S. 38.) Buchner zeigte aber auch als einer der ersten, wie gut klassische Versmaße mit der deutschen Sprache harmonieren.

Interessanter als diese germanistische Skizze seines Wirkens ist die Frage, was man sich heute noch von August Buchner abschauen kann. Den Einwand, dass hierdurch der Blick auf Buchner nur als Ausgangspunkt erbaulicher Betrachtungen benutzt würde, hätte Buchner selbst wohl nicht gelten lassen. Buchner war als Barockmensch davon überzeugt, dass irdische Begegnungen immer über sich hinaus, in den Bereich des Moralischen weisen - und damit an eine göttliche Sphäre gemahnen, der jegliche Moral überhaupt erst entspringt. Und auf die in Idealem sich gründende Sinndeutung des ganzen Lebens zielt eigentliche Wissenschaft; Buchner jedenfalls teilt diesen Gedanken mit vielen anderen Gelehrten der Barockzeit (etwa Andreas Gryphius oder Blaise Pascal). Wozu sich mit Grammatik beschäftigen, wenn nicht der bessere Umgang mit der Sprache auch zum besseren Umgang mit dem Nächsten führte? Die Fruchtbringende Gesellschaft, der Buchner angehörte, wollte daher immer auch ein Beispiel gesitteter menschlicher Gemeinschaft geben, was ihr übrigens in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges über Konfessionsgrenzen hinweg gelang. Demzufolge erscheint die abschließende Frage berechtigt, für welche Sinnperspektiven Buchner steht. Drei knappe Antwortversuche:

  1. August Buchner bleibt für seine Mitmenschen in wirrer Zeit ein Pol der Ruhe und setzt sich über Jahrzehnte hinweg verlässlich für Menschen und den kultivierten mitmenschlichen Umgang ein.
  2. Für Buchner ist der sprachliche Ausdruck ein kostbares Gut, das mit Bedacht einzusetzen ist. Wer sich sprachlich präzise ausdrückt, dient damit nicht nur seinen eigenen Gedanken, sondern ehrt auch seine Zuhörer.
  3. Buchner, der sich dankbar an die moralischen Unterweisungen in seiner eigenen Schulzeit erinnert, sieht sich stets in der Pflicht, die eigenen Studenten in moralischer Hinsicht in Wort und Tat zu unterweisen. Bei alledem kennt er seine Grenzen und Schwächen - davon zeugen seine schlauen und oft auch selbstironischen Briefe, die alles andere als geschwollen daherreden.

Peter Reus, OStR

 

Vol 3. (JB 2011/2012): W. G. Sebald

Äußerer Anlass: 10. Todestag (2011)

W.G. Sebald - Prophet im Ausland

Vergessene Dichter und Denker - III. Teil

Ist literarische Größe noch möglich? Wie würde in Anbetracht des unaufhaltsamen Niedergangs des literarischen Anspruchs und der damit einhergehenden Vorherrschaft des Belanglosen, des Glatten und des sinnlos Grausamen ein nobles literarisches Unterfangen heutzutage aussehen? Eine der wenigen Antworten [...] ist das Werk von W.G. Sebald.1 Es war keine Geringere als Susan Sontag, US-amerikanische Kulturkritikerin von Weltgeltung, die so den bei uns in Deutschland immer noch zu wenig bekannten deutschsprachigen Dichter und Literaturwissenschaftler würdigte. W.G. Sebald gehört zu jenen Intellektuellen, die zunächst von aller Welt so lange bewundert werden, bis man sie auch in ihrem Heimatland nicht mehr übersehen kann. Wer war dieser Dichter, der vor gut zehn Jahren so abrupt aus dem Leben schied und dessen Werk in jeder noch so kleinen Bibliothek deutschsprachiger Nachkriegsliteratur vor allen anderen seinen festen Platz haben sollte?

Biographie

Freunde und Familie nannten ihn Max; seine wirklichen Vornamen ersetzt er zeitlebens durch die Initialen W. G., wodurch er die völkisch-christlichen Vornamen Winfried und Georg überspringt. Am 18. Mai 1944 in Wertach im Allgäu geboren, lernt er seinen Vater erst drei Jahre später kennen, als dieser aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt. Sebalds besondere Nähe zu Johann Peter Hebel, Adalbert Stifter, Gottfried Keller und Robert Walser scheint in den Spaziergängen vorgeprägt, die er zusammen mit seinem Großvater in der ruhigen Betrachtung der Dinge am Wegesrand verbringt. Zu seinem Vater, einem durch und durch militaristischen Menschen, hat Sebald kein enges Verhältnis - es sei denn im lautstarken Streit über die nach Sebalds Empfinden unerträgliche Ignoranz der deutschen Nachkriegsgesellschaft angesichts der Verbrechen der Nazis. Nach bestandenem Abitur (1963) sowie dem Studium der Anglistik und Germanistik in Freiburg, das er mit einer Arbeit über Carl Sternheim (1966) erfolgreich abschloss, nahm er eine Stelle als Fremdsprachenassistent an der Universität Manchester an, wo er im folgenden Jahr mit einer weiteren Arbeit über Sternheim den englischen Magisterabschluss erreichte. Nach mehreren weiteren Berufsstationen erhielt er 1970 eine Dozentur, später dann eine Professur an der University of East Anglia in Norwich, an der er mit Unterbrechungen sein ganzes weiteres akademisches Leben verbringt. Sebald verstirbt am 14. Dezember 2001 auf einer Autofahrt an Herzversagen - Ursache eines Verkehrsunfalls, bei welchem seine Tochter schwer verletzt wird. Anfang 2002 wird er in Norfolk beerdigt.2 Vor allem in seinen letzten eineinhalb Lebensjahrzehnten verfasste Sebald das Werk, das uns nun vorliegt und in dem wir neben Versdichtungen und literaturwissenschaftlichen Studien die großen Prosatexte "Die Ringe des Saturn" und "Austerlitz" finden, in welchen Sebalds Prosakunst und Gesellschaftskritik zeigen, welche Wucht aus dem ruhigen Betrachten, Hinhören und kenntnisreichen Gedenken entsteht.

Werk und Bedeutung - allenfalls subjektiv andeutbar!

Es gibt Texte, die ich fleißig mit dem Bleistift bearbeite, in welchen ich also Passagen am Textrand markiere, Wörter unterstreiche und Randanmerkungen notiere. Das ist meistens ein gutes Zeichen, denn der Text sagt mir offenbar etwas. Meine Textmarkierungen und Randglossen sind als Wegweiser gedacht, damit ich in späterer Zeit möglichst rasch einen Einfall zu seiner Quelle zurückverfolgen kann. Ein ungleich besseres Zeichen freilich ist es, wenn man den Bleistift schon nach wenigen Sätzen fassungslos aus der Hand legt, weil jede Bleistiftmarkierung einer Hervorhebung gleichkäme, mit der man eine besonders helle Stelle auf der grellen Scheibe der Mittagssonne markieren wollte. Bei einem Sebald-Text weiß ich von der ersten Zeile an, dass ich ihn ohnehin immer und immer wieder lesen werde. Wozu also eine Randmarkierung! Und wenn man schon bei der Sebald-Lektüre mit dem Stift kritzeln will, dann allenfalls um zu notieren, wie sich beleuchtet von dieser Lektüresonne die Landschaft des eigenen Lebens in ungekannter Formation zeigt. Das erscheint sehr dick aufgetragen - ich weiß. Aber es ist allemal besser als all die literaturwissenschaftlichen Weistümer oder gar wikipedischen Wahrheitsbrocken über Sebalds Texte zu wiederholen, etwa stereotyp von seiner makellosen Prosa zu schwärmen, die sich nur auf eine besonders unerbittliche Sensibilität zurückführen lasse; oder hervorzuheben, wie fein und dabei nicht selten ironisch Sebald über seinem Stoff walte; oder Sebalds Fähigkeit zu bestaunen, mit historisch genauen Kenntnissen im Anwesenden das Abwesende aufscheinen zu lassen; oder Sebalds kritische Arbeiten über die deutsche Nachkriegsliteratur zu würdigen, etwa seinen skeptischen Blick lobend zu erwähnen, den er auf die gutgeölten Berufsskeptiker der Gruppe 47 richtet, die allenfalls unsere eigenen geübt-kritischen Blicke auf Nachkriegsdeutschland freundlich beglaubigten, wenn nicht gar das Übel verdeckten, indem sie es zu benennen vermochten oder nicht einmal dies.

Sebalds Prosatexte werden seit gut zehn Jahren weltweit von Germanisten fleißig erforscht. Zahlreiche, durchaus erhellende Studien sind diesen Arbeiten zu verdanken. So etwa ist die ungewöhnliche Darstellungstechnik Sebalds, Schwarzweißfotos in den Text einzustreuen, mehrfach untersucht und mit bemerkenswerten Ergebnissen abgeschlossen worden. Gleichwohl fordern Sebalds Texte zu einer anderen, fast vergessenen Art der Lektüre auf: jener des meditierenden Mitgehens, wie sie etwa vom Verfasser der Cloud of Unknowing (Wolke des Nichtwissens), eines Hauptwerkes der englischen Mystik, verlangt wird oder von Descartes für die Auseinandersetzung mit seinen Meditationes empfohlen. Und diese andere Art der Lektüre zieht - wenn überhaupt - eine ebenfalls in der Literatur fast vergessene Textart nach sich: den Kommentar, dessen Ziel es ist, Satz für Satz und Absatz für Absatz mitdenkend letztlich sich selbst von der Lektüre, die als Sebaldsche Weltsonne uns bestrahlt, erforschen zu lassen.

Und so beginnt der melancholische Spaziergang durch Sebalds Welt, an der einen Hand unser Großvater Sebald und an der anderen vielleicht sein geistiger Ahn Thomas Browne. Der lehrreiche und dabei ebenso heitere wie ernste Gang wird uns auch entlang dem Riss leiten, der durch die Welt verläuft, weil er in uns selbst ja immer schon klafft: Im August 1992, als die Hundstage ihrem Ende zugingen, machte ich mich auf eine Fußreise durch die ostenglische Grafschaft Suffolk in der Hoffnung, der nach dem Abschluss einer größeren Arbeit in mir sich ausbreitenden Leere entkommen zu können. Diese Hoffnung erfüllte sich auch bis zu einem gewissen Grad, denn selten habe ich mich so ungebunden gefühlt wie damals bei dem stunden- und tagelangen Dahinwandern durch die teilweise nur spärlich besiedelten Landstriche hinter dem Ufer des Meeres. Andererseits jedoch erschien es mir jetzt, als ob der alte Aberglaube, dass bestimmte Krankheiten des Gemüts und des Körpers sich mit Vorliebe unter dem Zeichen des Hundssterns in uns festsetzen, möglicherweise seine Berechtigung hat. Jedenfalls beschäftigte mich in der nachfolgenden Zeit sowohl die Erinnerung an die schöne Freizügigkeit als auch die an das lähmende Grauen, das mich verschiedentlich überfallen hatte angesichts der selbst in dieser Gegend bis weit in die Vergangenheit zurückgehenden Spuren der Zerstörung.3

Peter Reus, OStR

1 SONTAG, Susan: Ein trauernder Geist; in: Dies.: Worauf es ankommt. Essays; Frankfurt 2007, S. 63-72, S. 63.

2 Die biographischen Informationen entstammen den beiden folgenden Quellen: SCHÜTTE, Uwe: W.G. Sebald. Einführung in Leben und Werk; Göttingen 2011, S. 17-33. ARNOLD, Heinz Ludwig: W.G. Sebald: 1944 - 2001; in: Ders. (Hrsg.): Text+Kritik. Zeitschrift für Literatur (IV/03), S. 3-5.

3 SEBALD, W.G.: Die Ringe des Saturn. Eine englische Wallfahrt; Frankfurt (8. A.) 2004, S. 11.3 SEBALD, W.G.: Die Ringe des Saturn. Eine englische Wallfahrt; Frankfurt (8. A.) 2004, S. 11.

 

Vol 4. (2012/2013): Hermann Lenz

Äußerer Anlass: 100. Geburtstag (2013)

Hermann Lenz

Es ist kaum eine Pressemeldung wert, wenn jemand in etwas Althergebrachtem, an das sich unsere Augen gewöhnt haben, noch Schönes erkennt und es werthält. Erst wenn sich etwas tut, wie man so sagt, wenn’s beim Abriss von Altem ordentlich kracht oder eine Reihe von Glanzkrawattenträgern kollektiv den ersten Spatenstich für Neues zelebriert, entsteht ein Zeitungsbild. Böse Zungen sagen, dass jene Gebäude, welche die Bomben des Zweiten Weltkriegs nicht einzureißen vermochten, schließlich von den Abrissbirnen des Wirtschaftswunders erledigt wurden. Hermann Lenz, um den es in dieser neuen Folge der Erinnerungen an vergessene Dichter und Denker gehen soll, stand der Veränderungswut seiner Zeit durchaus skeptisch gegenüber.

Jeder bayerische Abiturient der letzten drei, vier Jahrzehnte durfte lernen, dass die tonangebenden deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit zur Gruppe 47 zählten, so etwa die international bekannten Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll und Günter Grass. Als Hermann Lenz in den frühen 1950er Jahren zu einem Treffen der Gruppe 47 eingeladen wurde, um aus seinen Texten vorzulesen, konnten seine Zuhörer nur wenig damit anfangen. Lenz wurde flott als weltfremder und apolitischer Idylliker abgetan, um dauerhaft vom Literaturbetrieb der nächsten gut zwei Jahrzehnte übersehen zu werden. Er gehörte nicht dazu, war nebendraußen – um eines seiner Lieblingswörter zu verwenden. Lenz hätte übrigens auch nicht zur Gruppe 47 gepasst, denn der röhrende Tonfall der literarischen Platzhirsche, Bescheidwisser oder selbsternannten Mahner ist ihm stets fremd geblieben. Und so musste er sich in der Wirtschaftswunderwelt Nachkriegsdeutschlands als ein Fremdling (so auch ein Romantitel) vorkommen – ein Fremdling, der zwar skeptisch auf seine Mitmenschen blickt, sich jedoch nie über sie erhebt, da er sich und seine Mitmenschen gleichermaßen vor die Aufgabe gestellt sieht, das Leben zu meistern. Gleichwohl kann sich Lenz des Eindrucks nicht erwehren, viele seiner Zeitgenossen hätten vergessen, wie ungewöhnlich (in beiderlei Wortsinn!) es ist, überhaupt da zu sein. Er sieht, wie sie ihn für weltfremd halten, weil er über die kleinen Wunder (alte Photographien, einen Bläuling auf der Sommerwiese oder ein Gedicht Mörikes) noch staunen kann und über sie nachdenken muss. Fremdlingen wie Lenz und seinen Romanhelden erscheinen die Gebote der Wirtschaftswunderstunde umso verdächtiger, je öfter ihnen suggeriert wird, dass man es im Leben zu etwas bringen müsse, erfolgreich sein solle, etwas aus sich zu machen, vorzustellen und zu erreichen habe. Und wenn man all dies nicht könne, so solle man wenigstens kritisch Einspruch erheben, laut opponieren oder gar Rabatz machen – nur leise beobachten, das schicke sich nicht, wollte man die Anerkennung der Zeitgenossen erhalten. Denn wer Geld mache oder wenigstens medial präsent sei, der habe es zu etwas gebracht und dürfe sich etwas leisten, um wiederum zu zeigen, dass er es zu etwas gebracht habe. – Ein Irrsinn, dem der (ausgerechnet schwäbische!) Dichter nicht folgen konnte, weil ihm nicht zuletzt auch die sinnentleerte (und ohnehin vergängliche) Anerkennung seiner (ohnehin todgeweihten) Zeitgenossen als unmaßgeblich erschien.

Marc Aurel, der in seinen Selbstbetrachtungen schrieb: Beste Art sich zu wehren: sich nicht anzugleichen, ist daher für Lenz ein großes Vorbild. Vom römischen Kaiser mit dem Philosophenbart lernt er, dass er an seinem inneren Leitvermögen festhalten muss, komme was wolle. Lenz‘ Romantitel Der innere Bezirk verweist auf diese seelische Innenwelt, an die er glaubt und in die er sich zurückzieht, um die nötige Distanz zu seiner Zeit zu wahren und um sich selbst nicht auszuweichen. (1)

Damit sind wir bei dem Personal und der Erzähltechnik Lenzscher Prosatexte. Neben Adligen, Kutschern, Dienern, einem Wappenmaler oder einer einsamen Diplomatentochter ist es vor allem Eugen Rapp, sein alter ego, der im inneren Dialog versucht, in der Welt zu bestehen. (Wiederkehrendes Motto: Wenn Du nur durchkommst.) Stets etwas nebendraußen, beobachtet Eugen Rapp, der Held etlicher Romane, den Gang des zwanzigsten Jahrhunderts, versucht finanziell über die Runden zu kommen und wohnt wie sein Autor im Mobiliar seiner Großeltern. Seinen Zeitgenossen, die sich regelmäßig neu einrichten, erscheint er daher leicht verrückt – nebendraußen eben. Wie füllt man mit einem solchen Helden, der nicht mal zum modernen Antihelden taugt, fast ein Duzend Romane? Erste Antwort: Man lässt ihn (ausgehend von Erzählungen über die Vorfahren des 19. Jahrhunderts) das Zwanzigste Jahrhundert erleben: von der Kaiserzeit, in der die Frauen noch lange Röcke trugen, und der Weimarer Zeit, über die Jahre des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs hinweg durch die Nachkriegsjahre bis hinein in die späten Neunzigerjahre, in welchen in einem Jugendzimmer ein schon wieder altmodisch wirkendes Mick-Jagger-Poster registriert wird und Teenagermädchen lange Röcke gerade wieder schick finden. Zweite Antwort: Man lässt den Helden mit seiner Frau Hanni spazieren, lässt ihn auf engen Pfaden in süddeutschen Mittelgebirgen wandern, die Natur bestaunen (zum Beispiel einen Schmetterling betrachten), nachdenken, sich erinnern und in einer Dachstube Stifter, Mörike und Mark Aurel lesen.

Der Autor der Eugen-Rapp-Romane stand seinem Helden nicht fern. Letztlich ging es ihm um eine persönliche Sinnperspektive. Er wollte zeigen, dass es sich lohnt, auf der Welt zu sein und mit dem gleichfalls verletzlichen Marc Aurel daran festhalten, dass es eine Harmonie in der Welt gebe. Als Leser der Eugen-Rapp-Romane erfährt man, dass der Glaube an eine Weltharmonie und einen Lebenssinn beständige Arbeit ist. Für Hermann Lenz war es sicherlich harte Arbeit, am Lebenssinn festzuhalten, wenn man bedenkt, dass er als Soldat ab 1940 am Zweiten Weltkrieg teilnehmen musste, dass seine Frau, eine Halbjüdin, zwölf Jahre lang tagtäglich vom Tod bedroht war und dass schließlich sein Dichterfreund Paul Celan am Leben zerbrach.

Hermann Lenz schien sich daher in seinen Texten selbst Mut zuzusprechen: den Mut, den eigenen inneren Bezirk zu ehren, und den Mut, sich das Schöne in der Welt nicht ausreden zu lassen. In Wäldern und Wiesen, alten Gebäuden und den Werken der Feinsinnigen das Schöne zu erkennen: Das konnte noch Hermann Lenz, der vor 100 Jahren zur Welt kam und vor 15 Jahren verstarb. Und so unpolitisch waren seine Texte nicht: Eugen Rapps ökologischer Fußabdruck war gewiss zierlich und sein Lebensstil nachhaltig. Rapp (und sicherlich auch sein Autor Hermann Lenz) demonstriert keine Alternativ- und Ökoattituden – er verkörpert eine Alternative.

Bleibt zu fragen, welche Schriftsteller gegenwärtig die Schönheit der Welt noch für möglich halten, obwohl sie im Alltag den Irrsinn nicht übersehen können. Danken wir daher noch geschwind Peter Kurzeck und Andreas Maier dafür, dass sie die zierliche Spur des Hermann Lenz fortsetzen und uns Leser nebendraußen nicht alleine lassen. Bürgerlich gesprochen sind sie die würdigen Erben des Hermann Lenz.

Peter Reus, OStR

(1) LENZ, Hermann: Marc Aurel; in: Ders.: Leben und Schreiben. Frankfurter Vorlesungen; Frankfurt am Main 1986, S. 142-154.

 

Vol 5. (2013/2014): Simone Weil

Äußerer Anlass: 70. Todestag (2013)

 

Simone Weil – Brücken

Alt wurde sie nicht, und die Kürze ihres Lebens halten viele für selbstverschuldet. Zwei Wochen vor ihrem Tod im Jahre 1943 schrieb die 34-jährige französische Philosophin an ihre Eltern, dass man gerne ihre Intelligenz lobe; doch sei dies auch nur ein Weg, der Frage auszuweichen: „Spricht sie wahr oder nicht?“ (1) Und so möchte dieser letzte Teil der auf fünf Folgen angelegten Artikelserie über vergessene Dichter und Denker vor allem mit Simone Weil denken und das, was man für gewöhnlich Biographie nennt, zunächst beiseitelassen. Betrachten wir stellvertretend für Weils unglaublich umfangreichen Gedankenkosmos diese Beobachtung: Die „Brücken“ der Griechen. – Wir haben sie geerbt. Aber wir kennen ihren Gebrauch nicht mehr. Wir haben geglaubt, sie seien dazu bestimmt, dass man Häuser darauf baue. Wir haben auf ihnen Wolkenkratzer errichtet, denen wir unaufhörlich neue Stockwerke aufsetzen. Wir wissen nicht mehr, dass es Brücken sind, etwas, über das man hinübergeht, und dass man über sie zu Gott gelangt. (2)

Was sind solche Brücken (metaxy) der Griechen? Sie sind allererst Wege, um von einem zum anderen Land zu gelangen, sind daher Mittel zum Zweck, nicht aber Selbstzweck, und bedeuten als Metapher relative Güter. Der Sinn solcher Güter liegt bekanntlich darin, etwas anderes als sie selbst zu bezwecken – und dies möglichst im Dienst des Lebenssinns, der nach Simone Weil in der Begegnung mit Gott liegt. Werden demzufolge die relativen Güter für etwas Gutes verwendet, sozusagen als Brücken auf dem Weg in ein besseres Land benutzt, so erfüllen sie ihre Aufgabe. In Heim, Vaterland, Überlieferungen [und] Kultur erblickt Simone Weil solche relativen Güter […], welche die Seele wärmen und nähren. (3) Da wir dieser Güter bedürfen, um Sinnvolles zu bezwecken, müssen wir auch jene der anderen achten. Oder umgekehrt, in der Formulierung Simone Weils: Um zum Beispiel fremde Vaterländer achten zu können, muss man sein eigenes Vaterland nicht zu einem Götzen machen, sondern zu einer Sprosse zu Gott. (4) Es versteht sich, dass in diesem Satz Weils der Begriff Vaterland auch durch Begriffe wie Geld, Heim oder Sprache sinnvoll ersetzt werden kann. Spielen wir den Gedanken Weils am Beispiel des Geldes noch einmal durch! Wenn Geld ausschließlich dazu da ist, Geld zu erzeugen, dann werden Hochhäuser auf Brücken errichtet; das Geld wird zum Götzen, fremdes Geld wird nicht geachtet und zur potenziellen Beute. Was wäre die Folge dessen? Menschen sähen einen Sinn darin, sich auf Kosten anderer zu bereichern und diesen anderen würden zunehmend die Möglichkeiten beschnitten, ein selbstbestimmtes Leben in Würde zu führen. Denn wer anderen ein relatives Gut raubt, bringt sie um die Brücken. Insofern sind Weils zunächst theoretisch anmutende Überlegungen nicht nur höchst brisant, sondern gewinnen existentielle Bedeutung – und verweisen damit auf Weils stets gesellschaftskritisches Denken, in welchem sich jede Wahrheit im Leben zu bewähren hat.

Zum Ausklang möchte ich daher doch noch das sogenannte Biographische streifen – aber eben nur insofern es uns zeigt, wie Simone Weil aus den Quellen ihrer Wahrheit lebte. Ein Beispiel hierfür mag genügen. Heinz Abosch berichtet in seiner Einleitung zu Weils Fabriktagebücher[n] von Weils besonderer Studienweise: Es geschieht nicht häufig, dass Philosophen Fabrikarbeit auf sich nehmen oder sich mit ihr beschäftigen. Noch weniger häufig ist, dass sie es nicht vom Podest ihres Wissens herab tun, nicht als Lehrende und Belehrende, sondern als Lernende. Dies war die Einstellung Simone Weils, als sie 1934-1935 in Pariser Metallbetrieben arbeitete: Sie wollte lernen, nicht dozieren. (5)

Und genau in dieser Haltung wollte sie, das dürfte deutlich geworden sein, eben mehr erzielen als ein paar zusätzliche private Credits im darwinschen Gerangel um spießbürgerlichen Erfolg. Denn die sinnerfüllte Arbeit lag ihr am Herzen, die sich jenseits des modernen Sklaventums als gemeinschaftliche Arbeit von Menschen und als Arbeit für Menschen zeigt. In ihren Augen wäre daher die Mitgestaltung der Scheinfelder Jahresbaumallee durch ein P-Seminar unserer Schule sicherlich mehr als das bloße Beschriften von Informationsschildchen vor Bäumen, welches ohnehin bloß unnötig vom effizienten Privaterfolgsmanagement abhalte – wie das unlängst erst sinngemäß in einer Rede so unglücklich formuliert wurde. Gerade aber weil solche unpassenden Reden in der Welt vorkommen und Redner einen befremdenden Eindruck hinterlassen können, sei zusätzlich an eine weitere Lehre der Simone Weil erinnert: Die kantianisch geprägte Philosophin glaubt nämlich nicht daran, das Wesen eines Mitmenschen bestimmen zu können – und das erst recht nicht auf der Grundlage eines kurzen Eindrucks. Denn jedes Wesen ist ein stummer Schrei danach, anders gelesen zu werden (6) – und zwar von uns, den ewigen Bescheidwissern, die wir vorschnell urteilen und verurteilen.

Peter Reus, OStR

1 KROGMANN, Angelica: Simone Weil; Reinbek bei Hamburg 1970, S. 155.

2 WEIL, Simone: Schwerkraft und Gnade; München und Zürich, S. 197 f.

3 A.a.O., S. 199.

4 A.a.O., S. 199.

5 ABOSCH, Heinz: Einleitung; in: WEIL, Simone: Fabriktagebuch und andere Schriften zum Industriesystem; Frankfurt am Main 1978, S. 7-15, S. 7.

6 A.a.O., S. 183.

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